Artikel: IT-Benchmarking von Individualapplikationen

Wie man Äpfel und Birnen im Applikationsbetrieb vergleichen kann // IT-Benchmarking von Individualapplikationen. Ein Artikel von Dr. Ursula Löbbert-Passing (LEXTA).

IT-Benchmarking mit Äpfeln und Birnen

Viele Unternehmen haben in den letzten Jahren die Kosten oder Preise für ihre IT-Infrastruktur in den Rechenzentren gebenchmarkt. Das „Vergleichen von Äpfeln und Birnen“ ist dabei zum geflügelten Wort geworden und bedeutet, dass nur Gleiches mit Gleichem verglichen werden soll. Es ist die Maxime aller Benchmarker, im Benchmarking der IT-Infrastruktur stets nur Leistungen miteinander zu vergleichen, die in möglichst vielen Merkmalen vollkommen übereinstimmen. So benchmarken wir zum Beispiel Windows Server mit 2 Cores nur gegen Windows Server mit 2 Cores. Sofern es Unterschiede im Leistungsumfang (z. B. in der Bereitstellung der Hardware) oder in der Qualität (z. B. bei der Servicezeit oder der Verfügbarkeit) gibt, können diese im Rahmen der Normalisierung im Benchmarking ausgeglichen werden. Basis des Vergleichs sind jedoch stets identisch konfigurierte Systeme.

Durch die zunehmende Standardisierung der IT-Infrastruktur – die nicht zuletzt auch durch das Benchmarking vorangetrieben wurde – sind die Kostensenkungspotenziale in diesem Bereich inzwischen vielerorts weitgehend ausgeschöpft. Da der Kostendruck auf die IT aber unvermindert hoch ist, rücken zunehmend die Applikationen (Anwendungen) in den Fokus der CIOs. Hier gibt es noch große Kostenblöcke, die nicht hinreichend transparent sind.

Der Betrieb von Standardapplikationen wie SAP wird schon seit vielen Jahren gebenchmarkt, da sich diese Systeme aufgrund ihrer Standardisierung recht gut auch zwischen Unternehmen vergleichen lassen. Darüber hinaus betreibt jedoch fast jedes Unternehmen einen mehr oder weniger großen „Zoo“ an Individualapplikationen. Wir von LEXTA fassen darunter zwar auch Kaufsoftware, die eine deutlich geringere Verbreitung als die o. g. Standardsoftware aufweist (z. B. ERP-Systeme kleinerer Anbieter, geografische Informationssysteme), vor allem aber eigenentwickelte Software. Diese ist häufig für ein Benchmarking besonders interessant, weil sie besonders teuer im Betrieb ist – z. B. weil sie den Kerngeschäftsprozess des Unternehmens unterstützt. Für diese Individualapplikationen wird man jeweils keine zweite identische Installation auf dem Markt finden. Daher verwenden wir für das Benchmarking von Individualapplikationen tatsächlich Äpfel und Birnen. – Und das geht so

Kostentreiber im Applikationsbetrieb

Sinn und Zweck des Benchmarkings ist nicht nur der Vergleich von Kosten oder Preisen, sondern insbesondere auch die Identifikation von Kostentreibern im betrachteten Service, um diese im täglichen Geschäft beeinflussen zu können.

Der wesentliche Kostentreiber im Applikationsbetrieb ist unserer Erfahrung nach nicht etwa die Funktionalität der Anwendung. Jeder CIO kennt Anwendungen, die eine vergleichsweise eingeschränkte Funktionalität aufweisen, aber trotzdem teuer im Betrieb sind (z. B. so manches Business Intelligence System) – und andere, bei denen es umgekehrt ist (z. B. kleinere ERP-Systeme).

Vielmehr treiben diejenigen Faktoren die Kosten des Betriebs in die Höhe, die Unruhe und Arbeit im Betrieb erzeugen – insbesondere Incidents und Changes. Zwar gibt es einen Zusammenhang zwischen der Funktionalität der Anwendung und z. B. der Anzahl Changes – eine Anwendung mit komplexer Funktionalität unterliegt auch oft vielen Änderungen – aber es ist eben nicht immer so. Immer aber ist es so, dass viele Incidents und Changes der Betriebsmannschaft viel Arbeit machen.

Wir haben diesen Zusammenhang vor Jahren schon in einer Korrelationsanalyse auf Basis unserer Benchmark-Datenbank untersucht. Die Faktoren mit dem größten Einfluss auf den Preis oder die Kosten des Applikationsbetriebs sind demnach (in absteigender Reihenfolge) die Anzahl Incidents, die Anzahl Changes, die Servicezeit, die Anzahl logischer Partitionen und die Anzahl Schnittstellen der Applikation.

Seither verwenden wir diesen Zusammenhang für unser Benchmarking des Applikationsbetriebs für Individualapplikationen. Wir suchen für die zu benchmarkende Anwendung andere Anwendungen, die ein ähnliches „Geräuschmuster“ an Incidents, Changes etc. im Betrieb verursachen. Diese ziehen wir für einen Vergleich heran. Das können durchaus Anwendungen mit ganz unterschiedlichen Funktionalitäten sein, wenngleich wir uns bemühen, Anwendungen vom gleichen Typ (z. B. ERP-Systeme, geografische Informationssysteme) zu verwenden

Im Rahmen der Normalisierung wird dann der Leistungsumfang im Applikationsbetrieb zwischen Kunden- und Vergleichsapplikation über Auf- und Abschläge angeglichen. Wie im Infrastrukturbenchmarking verwenden wir auch hierfür ein Referenzmodell, das den am Markt am häufigsten zu beobachtenden Leistungsschnitt abbildet. Das „Geräuschmuster“ an Incidents, Changes, Schnittstellen etc. der Vergleichsapplikationen (wir nennen das auch Mengengerüste) wird ebenfalls angepasst, und zwar so, dass durch Auf- und Abschläge das Mengengerüst der Kundenapplikation nachgebildet wird. Diese Normalisierung soll aber nur gering sein, denn die Vergleichsapplikationen sollen ja schon so passend ausgesucht sein, dass nur noch geringe Abweichungen in den Mengengerüsten existieren.

Um wieder zum Vergleich von Äpfeln und Birnen zurückzukommen – wir wählen also Äpfel und Birnen von etwa gleicher Größe und schälen sie anschließend noch ein wenig ab, bis sie die gleiche Form haben.

Dieses Prinzip erfährt im Benchmarking des Betriebs von Individualapplikationen inzwischen eine hohe Akzeptanz. Und nicht nur dort – einige IT-Dienstleister setzen diese Methode bereits ein, um die Preise für den Betrieb von Applikationen zu kalkulieren (LEXTA stellt dazu auch ein eigenes Tool bereit, den Applikationskalkulator.)

Dr. Ursula Löbbert-Passing promovierte 2004 über Methoden zur Aufwandschätzung für Softwareprojekte. Die Kosten für Applikationen ließen sie seither nicht mehr los. Bei LEXTA ist sie verantwortlich für die Benchmarkingmethoden für Applikationsbetrieb und -entwicklung.